Sieben verschiedene Abschiedsrituale

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Sieben verschiedene Abschiedsrituale

Bei vielen Menschen gibt es sowas wie eine Vorahnung, dass der Tod nahe ist. Es wird nicht unbedingt ausgesprochen, aber viele Zeichen deuten schon in diese Richtung. In alten Kulturen wie bei den Indianern oder den Aborigines, verließen die Älteren bewusst zum Sterben die Gemeinschaft und gingen an einen einsamen Ort, um dort in Ruhe zu sterben. Da bei uns dieses Sterben nicht möglich ist und man sich gegenseitig schonen will, geht viel an gemeinsamer Vorbereitung verloren. Die Beziehung kann sich schwer lösen, da es an gemeinsamer Nähe, bewussten Abschied, Danksagungen und das Aufarbeiten unerledigter Konflikte oder Aussprachen fehlt. Hier finden Sie fünf verschiedene Abschiedsrituale.

1) Rituale des Rückblicks

In früheren Zeiten versammelten sich alle um das Sterbebett, um mit einem Lebensrückblick, indem alle Erfahrungen und Erlebnisse nochmals geteilt werden, abzuschließen. Es wurde Bilanz gezogen. Soll das alles gewesen sein? In diesem Rückblick wird oft das erste Mal ehrlich auf das eigene Leben geschaut. Erschrocken wird oft festgestellt, dass der Mut gefehlt hat authentische Entscheidungen getroffen zu haben, ungelebte Träume und damit verbunden ein Mangel am Sein.

Hier sind zwei Fragen von Wichtigkeit für die Lebensbilanz:

  • Bin ich wirklich gewesen? Oder habe ich getan, was mir andere, Trends oder Meinungen vorgeschrieben haben?
  • Habe ich Liebe erfahren oder Liebe gegeben?

Sogar auf dem Sterbebett können noch Korrekturen stattfinden, die einen authentischen Selbstausdruck möglich machen. Der Rückblick kann schon vorher vorbereitet werden, indem Sie sich Fotoalben oder Filme gemeinsam anschauen. Außerdem wäre es gut, wenn sich die Menschen schon zu Lebzeiten der Vergänglichkeit bewusst werden und das Loslassen üben. Wir sind Nutznießer der Güter, aber nicht deren Besitzer.

2) Abschiedsrituale

Im Normalfall kommt nach dem Rückblick die Danksagung an alle Hinterbliebenen für die Treue und Unterstützung. Anschließend verabschiedet sich der Sterbende  von allen und übergibt sich an die Fürsorge Gottes. Beim Abschied von der Familie könnte es aber zu Verzögerungen kommen. Es geht um die Sorge für deren Wohlbefinden und die Verantwortung dafür. Das bindet und blockiert das Weggehen.

Hier ist es von größter Wichtigkeit, dass Sie als die nächste Angehörigen dem Sterbenden die Erlaubnis geben, zu gehen. Diese Ent-Bindung jeglicher Verantwortung wirkt sehr erleichternd. Hier werden natürlich Sterbegebete und Sterbesakramente dazu beitragen, den Übergang zu erleichtern. Oft kommt eine Schuldthema hinzu (z. B. Unterlassungen oder Taten, die nicht der kosmischen Ordnung entsprachen), bei dem der geht.

3) Sterbegebet: tibetanisches Totenbuch

Das tibetische Totenbuch ist eine Anleitung zur Meditation, die bereits im Leben geübt werden kann und als Vorbereitung dient. Es besagt auch, dass das Buch während des Sterbeprozesses und 49 Tage nach dem Tod jeden Tag vorgelesen werden sollte.

Ein Gebet in Anlehnung des tibetischen Totenbuches:

Du Seele, die wir als … (Name einfügen) gekannt haben, dir ist nun das widerfahren, was man Tod nennt. Dein physischer Körper ist verstorben, du selbst bist aber noch lebendig wie zuvor. Du musst jetzt diese Welt verlassen. Du bist nicht der/die Einzige, der/dem das widerfährt. Da dies allen geschieht, sehne dich nicht nach diesem Leben und verlange nicht danach. Auch wenn du dich danach sehnst und verlangst, hast du nicht die Macht zu bleiben. Dir bleibt dann nichts anderes, als körperlose Seele herumzuirren. Also mache dich auf und werde Licht! Auch wenn die Menschen, die du geliebt hast und die dich lieben, traurig sind, sie unterstützen dich zu gehen. Denn dein Leben ist hier vollendet und das Beste liegt vor dir. Dir wird nun das reinste Licht des wahren Seins aufleuchten. Dies musst du erkennen! Und habe keine Angst, denn Gott, das Licht, ist reine Liebe. Wenn du in dieses Licht gehst, wirst du etwas unbeschreiblich Schönes und Großartiges erfahren und dich in einer ungeahnten Weise geliebt und angenommen fühlen. Also mache dich auf und werde Licht!

Also mache dich auf und werde Licht!

  • Mögest du glücklich werden!
  • Mögest du inneren Frieden finden!
  • Mögest du dir deines wahren Wesens gewahr werden!
  • Mögest du geheilt werden und selbst eine Quelle der Heilung sein.

4) Die katholische Kirche hat ihre Gebete als Abschiedsrituale

Ein Gebet, dass mir persönlich sehr gefällt und ich in einer Katholischen Kirche in Santorin gelesen habe. Es ist für alle, denen das Beten nicht mehr so leicht fällt und die nicht wissen was sie beten sollen.

Ich weiß nicht wie ich beten soll …
Ich weiß nicht was ich sagen soll …
Vielleicht habe ich keine Zeit hier zu sein …
Das Licht dieser Kerze steht für alles wofür ich dir dankbar bin
Und für alles worum ich dich bitte …
Es steht für meine Zeit …
Es steht für den Teil meiner Selbst den ich dir darbringe, Herr
Dir Maria, Mutter der Barmherzigkeit,
und Euch den Heiligen Gottes …
Der Schein des Lichts ist das Symbol meiner Gebete,
meiner Einheit mit dir Gott der Liebe, Vater der Freude und Barmherzigkeit …
Die Einheit die ewig mit mir sein wird.

5) Trauerrituale

Die persönliche Trauer der Hinterbliebenen ist noch nicht abgeschlossen. Hier dauert das Trauern unterschiedlich lang. Oft unterstützen kleine rituelle Handlungen den Trauerprozess wie z. B. der regelmäßige Besuch und die Pflege des Grabes. Ein kleiner Altar mit einem Bild des/dem Verstorbenen, einer Kerze und Blumen die zur Erinnerung beitragen. Auch das Auf- und Ausräumen sollten bewusst, in passenden Zeitabständen und in Ruhe erfolgen. Es ist sehr schmerzhaft, hilft aber den Tod real zu machen und unterstützt wieder in das Leben zurückzukehren und sich an die neue Wirklichkeit anzupassen.

6) Mut zu individuellen Symbolen und Abschiedsritualen

Die Auswahl, der Gebrauch und das Verständnis von Symbolen und Ritualen ist kulturell abhängig. In diesen Zeiten wird der Mensch immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen, sodass er nach eigenen Orientierungshilfen sucht und so zum eigenen Architekten wird. Hinter individuell entworfenen Symbolen und Ritualen können Kraftquellen stecken, die für einen konstruktiven Umgang mit Krankheit, Leiden, Abschied und Trauer von hoher Wichtigkeit sein können.

7) Eigenen spirituellen Schatz finden

Bei Menschen in lebensbedrohlichen Situationen geht es darum, ihren eigenen spirituellen Schatz zu finden und zu erkennen, dass sie grundsätzlich über diese Schätze verfügen. Dies gehört zur spirituellen Sterbebegleitung. Denn das Einlassen auf individuelle Spiritualität und individuelle Symbole heißt, dass ich mich ernsthaft mit dem Leben des anderen auseinandersetze. Hier zeigt sich die Wertschätzung für das Anderssein dem Gegenüber. Begleitung erfordert eine hohe Sensibilität, um die Sterbenden vor einer spirituellen Entblößung zu schützen.

Bitte kontaktieren Sie mich, wenn Sie Fragen haben.

Foto: 123rf.com/William Perugini