1. Phase: Auflösung des Erdelements

Sterbeprozess: Das tibetanische Totenbuch
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2. Phase: Auflösung des Wasserelements
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1. Phase: Auflösung des Erdelements

Das tibetanische Totenbuch legt fünf Phasen des Sterbens dar. In der ersten wird die sogenannte Auflösung des Erdelements beschrieben. Ihr sind der Körper mit Sehnen, Muskeln, Gelenken, Milz und den Lippen zugeordnet. Der Körper wird schwächer, die gesamte Energie reduziert sich. Die alltäglichen Verrichtungen fallen immer schwerer z. B. Aufstehen, sich an Gegenständen festhalten, der Kopf wird schwerer und fällt immer öfter zur Seite. Der allgemeine Zustand verschlechtert sich.

Es kann ein Gefühl entstehen, als würde man von einer zentnerschweren Last zu Boden gedrückt oder unter einer tonnenschweren Platte begraben. Der Sterbende fühlt sich schwer und findet keine bequeme Position. Er ist unruhig und rastlos, will sich aufsetzen oder immer wieder aufstehen. Er kann die Augenlider kaum noch öffnen, die Wangen fallen ein und die Hautfarbe wird blass. Der Geist ist wirr und sehr unruhig, später entsteht ein Zustand, der einem Delirium ähnelt. Gleichzeitig kann alles in einem gelben Nebel erscheinen. Jetzt verliert der Mensch die gesamte Kontrolle über den Körper, die Unruhe und die Angst können noch mehr verstärkt werden. Das sind Anzeichen für die Auflösung des Erdelements.

So können Sie den Sterbenden begleiten:

  • Sprechen Sie den Sterbenden an und sagen Sie ihm, dass er jetzt in die aktive Sterbephase eintritt, dass er nicht allein ist und Sie da sind, um ihn zu begleiten.
  • Vermitteln Sie, was er möglicherweise fühlt – eben wie oben beschrieben – ein Gefühl von einer schweren Last niedergedrückt zu werden.
  • Sagen Sie dem Sterbenden, dass er sich davon komplett überfahren fühlen kann und deshalb große Angst verspüren kann. Auch wenn er das nicht mehr aussprechen kann, nimmt er es noch wahr.
  • Bitte seien Sie sich im Klaren, dass der Sterbende das Gesagte sofort wieder vergessen kann. Es liegt jetzt an Ihnen, diese Erklärungen immer wieder geduldig zu wiederholen, auch wenn es mühsam und anstrengend ist. Es ist die einzige Möglichkeit ihm mitzuteilen, dass er sich verstanden fühlt.
  • Lassen Sie zu, wenn er sich auszieht und sogar nackt daliegt oder aufstehen will.
  • Unterstützen Sie den Sterbenden dabei – wenn überhaupt möglich – aufzustehen. Aus meiner Erfahrung als Diplomierte Krankenpflegerin weiß ich, dass es in dieser Phase zumeist keinen Sinn mach, den Sterbenden mit Beruhigungsmittel zu sedieren. Bitte sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber.
  • Sagen Sie ihm, dass er keine Angst haben muss (die Wahrnehmungen sind ein Zeichen, dass sich das Erdelement auflöst). Auch die Schwere wird bald leichter.
  • Versuchen Sie ihn an eine Kraftquelle zu erinnern, aus der er schon zu Lebzeiten Kraft geschöpft hat. Das können Gebete, Mantren, Gesänge oder Gedichte sein, die für den Sterbenden eine tiefe Bedeutung hatten. Beten Sie diese mit ihm oder lesen Sie diese vor – er kann Sie noch hören.
  • Falls es nichts Spirituelles gibt, dann erinnern Sie ihn an ein positives Ereignis in seinem Leben, das sein Herz mit viel Liebe gefüllt hat. Falls Sie den Sterbenden nicht gut kannten, dann fragen Sie Angehörige. Ermutigen Sie den Sterbenden, sich an dieser Kraftquelle zu stärken. Es erleichtert den Sterbenden, die Schwere zu ertragen und diese Phase über sich ergehen zu lassen.

Auflösung des Erdelements

Da diese Phase sehr anstrengend sein kann, ist es leichter, sich mit Angehörigen oder Freunden abzuwechseln, den Sterbenden zu unterstützen. Danach folgt die sogenannte Phase der Auflösung des Wasserelements.

Bitte kontaktieren Sie mich, wenn Sie Fragen haben.

Foto: Photo Arts Dr. Heinz Baier